Verfahrensbeistand


Was ist ein Verfahrensbeistand?

Der Verfahrensbeistand ist die eigenständige Interessensvertretung der Kinder in Kindschaftsangelegenheiten bei Gericht (wie beispielsweise familiengerichtliche Verfahren zur elterlichen Sorge oder zum Umgang) und wird oftmals auch „Anwalt des Kindes“ genannt. Dabei orientiert sich der Verfahrensbeistand nicht ausschließlich an der Willensbekundung des Kindes, sondern berücksichtigt auch Aspekte des Kindeswohls. Darüber hinaus ist es seine Aufgabe, – wenn möglich – zwischen den Eltern zu vermitteln, da die Beendigung des elterlichen Konfliktes in der Regel ein Hauptanliegen der Kinder ist.

Die rechtliche Grundlage für die Tätigkeit des Verfahrensbeistandes bildet das Familienverfahrensgesetz (FamFG) und hier insbesondere § 158 Abs. 4 Satz 1, in welchem es heißt:

„Der Verfahrensbeistand hat das Interesse des Kindes festzustellen und im gerichtlichen Verfahren zur Geltung zu bringen. Er hat das Kind über Gegenstand, Ablauf und möglichen Ausgang des Verfahrens in geeigneter Weise zu informieren.“

Warum der Verfahrensbeistand im familiengerichtlichen Verfahren so wichtig ist

Ich arbeite seit 2007 als Verfahrensbeistand in Kindschaftsangelegenheiten bei Gericht. In meiner Tätigkeit habe ich über 1.500 Kinder und deren Eltern in den unterschiedlichsten Konstellationen kennen gelernt.

Ich habe mit den Vätern und Müttern ausführliche Einzelgespräche geführt und die Kinder in ihrem Zuhause oder auch bei Vater UND Mutter besucht. Hier habe ich die Kinder in ihrem Umfeld und in der Interaktion mit ihren Eltern erlebt und mit ihnen alleine in ihren Kinderzimmern über ihre Vorstellungen und Wünsche gesprochen. Dabei haben sich die Kinder nicht selten bei meinem Besuch bei der Mutter komplett anders verhalten und andere Wünsche und Meinungen geäußert als bei meinem Besuch beim Vater. Ich habe Kinder erlebt, die sich bei dem einen Elternteil mit Händen und Füßen gegen die Abholung des anderen gewehrt haben und die ich dann wenige Stunden später fröhlich spielend dort antraf.

Das macht es für die Eltern schwierig, ihr Kind einzuschätzen, denn sie erleben es ja nur in ihrem eigenen Umfeld und unterschätzen dabei oftmals die Anpassungsleistung, die ihr Kind dabei vollbringt. Und gerade die ist bei Kindern mit konfliktbehafteten Elternbeziehungen besonders hoch. Haben sie bislang ihre Eltern als einheitliche Orientierungsgröße gesehen, so müssen sie jetzt zwischen Vater und Mutter differenzieren. Gerade weil dieser Prozess für Kinder so schwierig ist, passen sie sich umso stärker ihrem jeweiligen Umfeld und somit den Wünschen und Meinungen von Vater und Mutter – auch was die Bewertung des anderen Elternteils angeht – an.

Und genau aus diesem Grund ist der Einsatz eines Verfahrensbeistandes als eigenständige und unabhängige Interessensvertretung der Kinder so wichtig. Für die Kinder selbst, die ein Recht auf Wahrung ihrer Interessen haben und eine Begleitung und Unterstützung in der schwierigen Situation – der gerichtlichen Auseinandersetzung ihrer Eltern – dringend benötigen, aber auch für die Eltern, die ja aus Liebe für ihr Kind um dessen beste Perspektive streiten. Oftmals helfen ihnen die Einblicke in die Befindlichkeiten ihrer Kinder, sich (endlich wieder) an deren Interesse zu orientieren und konstruktiv mit dem anderen Elternteil an einer Lösung zu arbeiten.

Meine Arbeitsweise

Nach ausführlichen Einzelgesprächen mit den Eltern besuche ich in der Regel die Kinder bei Vater und Mutter und spreche dort alleine mit ihnen. Mein Ziel dieser Gespräche ist es, ein Bild von der spezifischen Persönlichkeit, den Wünschen und den Vorstellungen des Kindes zu erhalten und so den authentischen und situationsunabhängigen Willen des Kindes herauszufinden. Voraussetzung hierfür sind neben Kenntnissen über generelle psychologische sowie pädagogische Aspekte auch der Einblick in den spezifischen Kontext des Kindes und das Kennenlernen des Kindes in diesem. Wo und wie lebt das Kind, wie verhält es sich im jeweiligen Setting, wie sieht sein Beziehungsgefüge aus und welche Auswirkungen hat dies auf seine Willensbekundung.

Der Gesetzgeber hat die Aufgabe des Verfahrensbeistand aber nicht allein als „Willensvertretung“ des Kindes, sondern als dessen „Interessenvertretung“ bestimmt.

Das bedeutet, dass neben dem Kindeswillen auch das Kindeswohl berücksichtigt werden muss. Hierzu zählen im Trennungskontext vor allem die Bindungsstabilität und -kontinuität in Form einer verlässlichen Beziehungspflege zu beiden Eltern. Ebenso sind die Kenntnis der eigenen Wurzeln und damit einhergehend die Möglichkeit der Auseinandersetzung mit diesen im Rahmen der eignen Identitätsfindung von fundamentaler Bedeutung für eine gesunde Entwicklung des Kindes.

Neben der detaillierten Erarbeitung des Interesses des Kindes versuche ich gleichzeitig zwischen den Eltern zu vermitteln, denn meist leiden die Kinder in erster Linie unter dem Konflikt der Eltern und wünschen sich am meisten, dass dieser aufgelöst wird.

Sollte eine Vermittlung jedoch nicht möglich sein, so gebe ich in einem strittigen Entscheidungsprozess eine Stellungnahme im Interesse des Kindes ab.

Ergebnis und Ziel

Am Ende meiner Tätigkeit soll in jedem Fall eine Verbesserung für das Kind stehen.

Mein Schwerpunkt liegt dabei auf der Unterstützung der Eltern bei einer möglichst einvernehmliche, den Interessen des Kindes entsprechenden Regelung.

Aber auch eine gerichtliche Entscheidung kann zur Entlastung des Kindes führen, wenn sie seinen Interessen entspricht und Klarheit für alle Beteiligten bringt. Hier setze ich mich für die Berücksichtigung der Kindesinteressen ein.

Mein zentrales Ziel ist es, den Blick der Eltern auf ihre unter den elterlichen Streitigkeiten leidenden Kinder zu erneuern und ihre Augen für das zu öffnen, was die Kinder gerade in solch einer schwierigen Lebensphase dringend benötigen:

Liebe,
Verlässlichkeit und die
Herausnahme aus dem elterlichen Konflikt.